Geschichte der Buchhandlung
Die Anfänge unserer traditionsreichen Buchhandlubng machte Johann Christian Lippert (Buchhändler und Antiquar, civis academicus der Universität Halle, * Halle 05.03.1760, † ebd. 10.05.1823), der zunächst Tambour in der Kompagnie des Hauptmanns von Knoblauch war, eines kgl. preuß. Infanterie-Regimentes, am 04.11.1781 "wegen Leibes Gebrechen" vom Militär entlassen und am 09.09.1791 als "Universitäts-Antiquarius" in die Universitäts-Matrikel eingetragen wurde; zugleich war er auch Buchdrucker; er wurde Nachfolger seines Schwiegervaters.
Da der "Antiquar Lippert" jedoch bereits in der ersten Nummer des "Hallischen patriotischen Wochenblattes" vom 5. Oktober 1799 als einer der Armenväter des dritten Reviers des Moritzviertels zum "Personal der Gesellschaft freywilliger Armenfreunde" gehörend genannt wird, ist belegt, dass er seine Antiquariatsbuchhandlung am Alten Markt Nr. 495 (später Alter Markt 3) schon vor dem Nachweis des Geschäfts im ersten halleschen Adressbuch von 1804 führt. Lippert stirbt am 10. Mai 1823 im Alter von 63 Jahren.
Sein Sohn Johann Friedrich Lippert führt das Geschäft weiter. Er hat als Antiquar und "Auctions-Comissarius" einen guten Namen, engagiert sich neben seiner Berufstätigkeit u.a. als Stadtverordneter, als Mitglied des Kichenkollegiums zu St. Moritz sowie in der "Spargesellschaft für die ärmeren Klassen" für seine Mitbürger und gehört 1849 zu den Wahlmännern der Stadt Halle für die Wahl zur Zweiten Preußischen Kammer.
Dem Handel mit verlagsneuen Büchern wendet sich Lippert erst 1839 zu und zeigt am 1. Januar an, dass er "nach erlangter Regierungs-Concession" mit seinem "Antiquar-Geschäft" eine Sortimentsbuchhandlung "verbunden ... und eröffnet" hat. Zehn Jahre später führt sein Kompagnon H. W. Schmidt die inzwischen in das Haus Nr. 497, Ecke Kutschgasse, verlegte Sortimentsbuchhandlung Lippert & Schmidt allein weiter, während Lippert am 2. März 1849 bekannt gibt, dass er unter seiner "alten alleinigen Firma eine antiquarische Buchhandlung" eröffnet. Die Lippertsche Sortimentsbuchhandlung geht in den folgenden Jahren in den Besitz von L. Rühe und später von Max Keferstein über, von dem sie am 1. Oktober 1869 Max (Maximilian) Niemeyer (1841–1911) übernimmt und nun "Lippertsche Buchhandlung (Max Niemeyer)" firmiert.
Niemeyer, ein Sohn des 1851 verstorbenen Direktors der Franckeschen Stiftungen Hermann Agathon Niemeyer und Enkel des Universitätskanzlers August Hermann Niemeyer, hat den Buchhändlerberuf in der 1698 gegründeten Buchhandlung des Waisenhauses erlernt und ist dann als Gehilfe bei C. Klincksieck in Paris und D. Nutt in London tätig gewesen. Zunächst scheint der Schritt in die Selbstständigkeit nach Niemeyers Worten "ein Reinfall erster Güte" zu werden, da nach dem Ausbruch des deutsch-französischen Krieges 1870/1871 die Kundschaft fehlt. Der Anregung eines Freundes folgend, gliedert er deshalb der Buchhandlung eine Musikalien-Leihanstalt an, die, wie sich Niemeyer 1910 rückblickend erinnert, alsbald das Wachsen eines Kundenkreises sichert: "Die Damen kamen, und die Herren folgten".
1870 gründet Max Niemeyer seinen Verlag, den er in wenigen Jahren zu einem führenden Verlag für deutsche, romanische und englische Philologie ausbaut. Wenn auch der Verlag zunehmend im Mittelpunkt seiner Arbeit steht, behält Niemeyer die Entwicklung der Buchhandlung stets im Auge. Schon bald verlegt er seine Geschäfte in die Große Steinstraße 63 (heute 79), ehe er das in Halle bekannte Architekturbüro Knoch & Kallmeyer mit dem Neubau eines Geschäftshauses auf dem heutigen Grundstück Große Steinstraße 78/79 beauftragt, in das Buchhandlung und Verlag im Herbst 1893 einziehen.
Im April 1893 gibt Niemeyer den Musikalienhandel und die Leihanstalt auf und verkauft diese Geschäftsbereiche an seinen Mitarbeiter Heinrich Hothan. Hothan verbindet mit seiner seit 1908 in der Großen Ulrichstraße 38 ansässigen und bis 1974 bestehenden Musikalienhandlung einen kleinen Musikverlag und eine Konzertagentur, die in den folgenden Jahrzehnten für das Musikleben in Halle von großer Bedeutung ist.
Mit dem Tod Max Niemeyers am 17. Juni 1911 geht die Leitung von Verlag und Buchhandlung in die Hände seines Sohnes Hermann Niemeyer (1883–1964) über. Da die vorhandenen Räume in der Großen Steinstraße nicht mehr ausreichen, modernisiert er das Wohn- und Geschäftshaus Brüderstraße 6 und errichtet 1914/1915 im zwischen den beiden Gründstücken liegenden Hof einen zweckmäßigen Neubau, der gleichzeitig die Verbindung zu der ebenfalls vergrößerten Buchhandlung herstellt. Der Laden, der ursprünglich an der zweiten Brücke der Galerie endet, erhält damals seine bis 1994 bestehende Größe. Als nach dem Ernsten Weltkrieg und während der folgenden Inflation der Verlag Hermann Niemeyers ganze Arbeitskraft beansprucht, stellt er als Geschäftsführer der Buchhandlung Dr. Hans Gose und Hans Marcard (dieser ist bis Mitte der 1930er Jahre in der Firma) ein.
Nach dem Zweiten Weltkrieg führt die Entwicklung in der Sowjetischen Besatzungszone dazu, dass Hermann Niemeyer 1949 Halle verläßt und den Verlag in Tübingen neu aufbaut. Die Buchhandlung und der Verlag in Halle werden treuhänderisch weitergeführt. Als Dr. Gose 1953 ebenfalls aus Halle weggeht, übernimmt der Volksbuchhandel die Buchhandlung und betreibt das Sortiment bis 1958 unter dem Namen "Universitätsbuchhandlung".
Mit der Bildung von Spezialbuchhandlungen im Jahr 1958 erhält die bisherige Antiquariats-Abteilung der Volksbuchhandlung "Das Gute Buch" in der Großen Steinstraße 77/78 unter dem Namen "Hallesches Antiquariat des Volksbuchhandels" ein neues Domizil. Geleitet von den erfahrenen Antiquaren Johannes Sell (bis 1968) und Eberhard Wolff (bis 1987), der sich auch als Dozent bei Fortbildungsveranstaltungen für Antiquare große Verdienste erwirbt, wird das "Hallesche Antiquariat" durch fachliche Kompetenz und nicht zuletzt durch seine mit großer Sorgfalt erarbeiteten 113 Angebotskataloge weit über Halle hinaus bekannt.
Im Zusammenhang mit der Privatisierung des Volksbuchhandels durch die Treuhandanstalt Anfang 1991 steht auch das Hallesche Antiquariat zum Verkauf. Jörg Hebestedt, Geschäftsleiter des Antiquariats seit 1987, und der Buchhändler Edmund Baron erhalten den Zuschlag. Mit freundlicher Erlaubnis von Dr. Robert Harsch-Niemeyer (1932–2011), Geschäftsführer des Max Niemeyer Verlages Tübingen, wird der traditionsreiche Name neu belebt, die Firma Lippertsche Buchhandlung & Hallesches Antiquariat GmbH gegründet und am 2. Mai 1991 eröffnet. Seitdem bietet die Lippertsche Buchhandlung ihren Kunden ein umfangreiches allgemeines Sortiment, eine große Auswahl an Regionalliteratur, die schnelle Besorgung sämtlicher nicht am Lager vorrätiger lieferbarer Bücher sowie ein alle Wissensgebiete berücksichtigendes Antiquariat, dessen Bestände zum Teil auch über das "Zentrale Verzeichnis antiquarischer Bücher ZVAB)" und über andere Plattformen im Internet verfügbar sind.
In enger Verbindung mit der Buchhandlung steht der 1990 gegründete Fliegenkopf Verlag, der neben regionalgeschichtlichen Publikationen – darunter der Nachdruck von Johann Christoph Dreyhaupts "Pagus neletici et Nudzici oder Ausführliche diplomatisch-historische Beschreibung des ... Saal-Creyses..." – Bücher zur Kunst- und Architekturgeschichte und Denkmapflege vor allem in Sachsen-Anhalt herausgibt.
So sind unter dem alten Wappen des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler, das den Eingang der Buchhandlung schmückt, und dem Wappenspruch "Habent sua fata libelli" (Bücher haben ihr Schicksal) wieder die drei historischen Zweige des Buchhandels – Verlag, Sortiment und Antiquariat – in dem traditonsreichen Haus vereint.
Die 1994/1995 vom damaligen Eigentümer des Gebäudes ohne Berücksichtigung der von den Architekten wohldurchdachten ursprünglichen baulichen Struktur durchgeführten Baumaßnahmen bringen zwar eine Vergrößerung der Verkaufsfläche für die Buchhandlung und das Antiquariat, waren jedoch so mangelhaft und unsachgemäß ausgeführt, dass sich u.a. durch die teilweise Durchfeuchtung des Mauerkwerks die für den Handel mit Büchern notwendigen Bedingungen immer mehr verschlechtern und ein Verbleiben in den Räumen nicht mehr möglich ist. Zwar fiel der Umzug nach 111 Jahren schwer, doch hat die Buchhandlung seit September 2004 ihren neuen Sitz in jenen Geschäftsräumen des Nachbarhauses Große Steinstraße 79, in denen Max Niemeyer bis 1893 die Lippertsche Buchhandlung führte
Am 06. März 2025 übernahm Thomas Kämmerer die traditionsreiche Geschäftstätigkeit der Firma Lippertsche Buchhandlung & Hallesches Antiquariat und führt sie unter dem erweiterten Namen Lippertsche Verlagsbuchhandlung & Hallesches Antiquariat und dem Fliegenkopf-Verlag als Imprint in Halle a.d.S. weiter.
Damit steht die inhabergeführte Firma Lippertsche Verlagsbuchhandlung & Hallesches Antiquariat in direkter Tradition zur Lippertschen Buchhandlung & Hallesches Antiquariat, bzw. der in Halle a.d.S. verbliebenen Geschäftsanteile Hermann Niemeyers.
Literatur:
Hallisches patriotisches Wochenblatt.
Familien-Nachrichten für die Nachkommen A. H. Franckes. Zweites Stück. Halle, 1912.
Robert Harsch-Niemeyer: Chronik des Max Niemeyer Verlages. Tübingen, 1995.